„Gelebte Nachbarschaft“ als Zukunftsthema

Wohnen umfasst auch das Zusammenleben in einer Nachbarschaft. Verständlicherweise läuft dieses nicht immer konfliktfrei ab: Die Hausverwaltungen werden häufig mit sozialen Konflikten konfrontiert und der Aufwand für deren Bearbeitung wächst, wie eine aktuelle Umfrage aufzeigt. Die gemeinnützigen Wohnbauträger nehmen sich des Themas mit dem Servicebüro zusammen>wohnen< bewusst an. Unterstützt wird die seit 5 Jahren bestehende Initiative vom Ressort Arbeit, Soziales und Integration und dem Ressort Wohnbau des Landes Steiermark.

 

Verschiedenste gesellschaftliche Entwicklungen, die Möglichkeiten der Mobilität und Kommunikationstechnologien führen dazu, dass sich das nachbarschaftliche Miteinander verändert. Wir sind heute durch zunehmende Anonymität und den Rückzug ins Private gefordert, Nachbarschaft einen Wert zu geben. Dabei ist Nachbarschaft mehr als ein Nebeneinander. Die Vielfalt unserer Gesellschaft spiegelt sich im Wohnhaus wider, hier leben unterschiedliche Bedürfnisse unter einem Dach zusammen. Nicht selten steht das Bedürfnis nach Ruhe dem nach Spiel oder der Wunsch nach Rückzug dem nach einem lebendigen Miteinander gegenüber. Konflikte in einer Nachbarschaft sind nichts Außergewöhnliches. Ganz im Gegenteil, sie bieten Möglichkeiten zum Ausverhandeln von Alltagsthemen, schaffen Kontakt und im besten Fall Verständnis für die Situation des anderen.

 

Die Umfrage

93% der Hausverwalterinnen und Hausverwalter sagen, dass der Aufwand für die Bearbeitung sozialer Konflikte in den letzten Jahren zugenommen hat. Das ist ein Ergebnis der von SCAN aktuell in der Steiermark durchgeführten Studie. Befragt wurden im Auftrag des Servicebüros zusammen>wohnen< die Hausverwaltungen der Gemeinnützigen sowie die Zuständigen in den Gemeinden in der Steiermark; sie sind zumeist die ersten Ansprechpersonen bei nachbarschaftlichen Konflikten.

60% haben das Gefühl, dass sie durch ihre Arbeit im Bereich des Wohnens und des Zusammenlebens etwas bewirken können, doch gleichzeitig stimmen 87% zu, dass der Kontakt mit Bewohnerinnen und Bewohnern immer fordernder wird. Rund 8 Stunden pro Woche werden mittlerweile für die Bearbeitung von Nachbarschaftskonflikten aufgewendet.

 

„Die Umfrage spricht eine deutliche Sprache. Sie zeigt die aktuelle Entwicklung auf und in welchem Ausmaß der Aufwand für die Hausverwaltungen und Gemeinden größer wird. Das bedeutet neben der persönlichen bzw. der Arbeitsbelastung zusätzlichen Zeitaufwand und Kosten. Die Hausverwaltungen sind verlässliche Ansprechpartner rund ums Wohnen, aber zunehmend mit privaten Konflikten konfrontiert, die über ihre gesetzlich festgelegten Tätigkeiten hinausgehen. Die Gemeinnützigen engagieren sich deshalb bewusst seit Jahren in diesem Themenbereich und fördern Maßnahmen, die das Zusammenleben unterstützen, aber gleichzeitig ein klarer Appell an die Eigenverantwortung der Bewohnerinnen und Bewohner sind“, erklärt Christian Krainer, Obmann der GBV Steiermark (Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger).

 

Nachbarschaft als Ort gesellschaftlicher Integration

„Wir müssen alle Möglichkeiten nützen und auf allen Ebenen aktiv sein, um das gesellschaftliche Zusammenleben in unserem Bundesland zu stärken“, sagt Soziallandesrätin Doris Kampus. „Gerade in einer Zeit, in der viele nur an sich denken, ist das gesellschaftliche Engagement für unsere Gemeinschaft und ihren Zusammenhalt von unschätzbarem Wert. Immer mehr Menschen ziehen sich in die Anonymität ihrer eigenen vier Wände zurück, das erfordert mehr aktive Nachbarschaftshilfe und mehr Zusammenhalt im Wohnumfeld. Gute Nachbarschaft erfordert Aufmerksamkeit und Interesse, sie ist aber auch ein Geben und Nehmen. Als Soziallandesrätin bin ich sehr froh über die Initiative und das Servicebüro, das als Infodrehscheibe und Netzwerk der guten Nachbarschaft in der Steiermark dient.“

 

Konfliktthemen bewusst machen und Eigenverantwortung stärken

„Konfliktthema Nummer 1 ist der Lärm. Gefolgt bereits von unleidigem Verhalten von Nachbarn, Mülltrennung und Parkplätzen“, zitiert Wohnbaulandesrat Johann Seitinger aus der aktuellen SCAN-Umfrage die befragten Hausverwaltungen. „In unserer heutigen Wohnwelt spiegelt sich die Vielfalt unserer Gesellschaft wider. Menschen aus den verschiedensten Kulturen, in unterschiedlichen Lebensphasen und -entwürfen leben Tür an Tür. Das erfordert einen guten Umgang miteinander, eine Toleranz füreinander und die Bereitschaft sich einzubringen, damit eine Hausgemeinschaft funktioniert. Gemeinsame Feste und Veranstaltungen sind eine Möglichkeit, diesen Zusammenhalt zu stärken. Jede Nachbarin und jeder Nachbar kann einen Beitrag dazu leisten, dass die hohe Wohn- und Lebensqualität in der Steiermark erhalten bleibt.“

Besonders beim Thema Müll zeigt sich, wie wichtig gelebte Nachbarschaft ist, hier lässt sich neben der gemeinsamen Kostenersparnis ein Zeichen für den aktiven Umweltschutz setzen. Zusammen mit dem Servicebüro, der Abteilung 14 des Landes Steiermark und der ARGE Abfallvermeidung wurden bereits zum vierten Mal ehrenamtliche Abfallcoaches ausgebildet, die als Engagierte ihr Wissen rund um Mülltrennung und -vermeidung in Nachbarschaften tragen.

 

5 Jahre Servicebüro zusammen >wohnen<

„Als Gemeinnützige sind wir nicht nur Bauträger und Vermieter von Wohnungen – wir sind uns der sozialen Verantwortung den Bewohnerinnen und Bewohnern gegenüber bewusst, weshalb wir das Miteinander fördern. Mit dem Servicebüro tun wir das, indem wir jene Institutionen unterstützen, die in ihrer täglichen Arbeit mit nachbarschaftlichen Konflikten konfrontiert sind“, so Wolfram Sacherer, Obmann-Stellvertreter der GBV Steiermark. Aktuell passiert dies mit der neuen Broschüre „Gelebte Nachbarschaft“, die das Zusammenleben thematisiert, auf niederschwellige Weise mit Karikaturen typische Konfliktthemen erklärt und mit hilfreichen Tipps für das Gespräch mit der Nachbarin oder dem Nachbarn an die Eigenverantwortung appelliert.

 

Nach nunmehr 5 Jahren Projektlaufzeit wurden vom Servicebüro zahlreiche Maßnahmen entwickelt und umgesetzt, die darauf abzielen, die zentralen Akteure im Wohnen zu unterstützen und die Integrationsbereitschaft in Wohnanlagen auf allen Seiten zu erhöhen.

Neben der Intervention durch Konfliktgespräche werden Moderationen bei Hausversammlungen und Beratung bei nachbarschaftlichen Problemstellungen angeboten. Präventiv werden Einzugsbegleitungsmaßnahmen im Neubau erprobt, um Nachbarschaft von Anfang an, bereits vor dem Einzug, zum Thema zu machen. Mit unterschiedlichen Formaten (Folder, Stiegenhausaushänge u.a.) und dem Einsatz von Karikaturen werden die häufigsten Konfliktthemen thematisiert.

 

Dass die Angebote des Servicebüros auch von den Hausverwaltungen in Anspruch genommen werden, spiegelt sich ebenfalls in der SCAN-Umfrage wider: Am häufigsten wurden die Stiegenhausaushänge sowie die Karikaturen und der „Info-Folder“ von den befragten Personen genutzt. 9 von 10 Personen geben an, dass die Angebote, die sie genutzt haben, hilfreich waren. Rund die Hälfte der Befragten (52%) sagen außerdem, dass sie Unterstützung von außen gerne im Bereich Kundenkommunikation und Konfliktmanagement in Anspruch nehmen wollen. Die Unterstützung durch Dolmetscher wird nur von 16% der Befragten genannt.